
Redaktioneller Beitrag von Werner
Mit diesem Beitrag wollen wir eine neue Serie redaktioneller Beiträge auf unserer Homepage eröffnen: Reiseberichte mit dem Cabrio. Cabrios und Reisen gehören eigentlich untrennbar zusammen, denn für genussvolles Reisen auf vier Rädern ist ein Cabrio die meiste Zeit des Jahres die attraktivste Karosserievariante – zumindest für überzeugte Frischluftfans.
Wer von uns sehnt nicht in den kalten Wintermonaten die ersten zarten Sonnenstrahlen des Frühlings herbei, den Zeitpunkt, an dem man zum ersten Mal im neuen Jahr das Verdeck öffnet und sich endlich wieder die lange vermisste frische Brise um die Nase wehen lassen kann? Und wer überlegt beim allmählichen Herannahen der kalten Jahreszeit nicht mehrmals, ob man das geliebte Cabrio schon für den Winter einmotten soll oder ob nicht vielleicht doch noch eine letzte Chance für eine weitere OpenAir Tour zum Saisonende besteht? Schließlich kann man ja auch mal die Heizung anstellen, falls die Füße kalt werden sollten.
Oder sich ein offenes Fahrzeug zulegen, welches vor allem im Frühjahr oder Herbst seine Trümpfe ausspielen kann. Eine Cabriolimousine, beispielsweise. Ein Cabrio, welches nicht nur die Varianten „offen“ und „geschlossen“ kennt, sondern auch mehrere Stufen dazwischen, so dass man für unterschiedliche Temperaturbereiche auf eine passende Dachkonfiguration zurückgreifen kann.
Von einem solchen Fahrzeug handelt die nun folgende Story. Und auch von einer der schönsten Regionen Italiens, die im Schatten bekannterer Ziele bei Touristen diesseits der Alpen noch weitgehend unbekannt ist. Venedig kennen alle, aber Venetien? Wo liegt das überhaupt, und was gibt es da zu sehen? Ist es eine der Regionen, die man auf dem Weg zu bekannteren Destinationen allenfalls streift, bei denen man aber keinen Anlass findet, gerade dort einmal auszusteigen oder gar die Gegend etwas genauer zu erforschen?
Vom Reisen im Allgemeinen
Mit 19, nach dem gerade bestandenen Abitur, lockte mich die große weite Welt, denn bis zum Beginn des Herbstsemesters an der Uni Mannheim wollten etwa 4 Monate Zeit gefüllt werden. Warum also nicht mal auf Reisen gehen, Zeit war ja da. Und per Interrail konnten sich Schüler und Studenten bis 23 Jahre einen Monat per Bahn in ganz Europa umtun, zum Festpreis von 300.- DM. Nur in Deutschland musste man den halben Fahrpreis entrichten, aber wer will als junger Mensch schon im Inland reisen?
Also kauften ein Kumpel und ich uns Tickets und schauten, dass wir so schnell wie möglich über die Grenze kamen. Ab da begann das Abenteuer, und von Straßburg aus ging es mit mehrtägigen Zwischenstopps in Wien und Belgrad nach Thessaloniki an die griechische Küste der Ägäis. Anschließend weiter mit dem Zug nach Istanbul in eine noch fernere Kultur, und nach einigen Tagen zurück nach Griechenland mit Aufenthalten in Athen und auf dem Peloponnes. Schließlich hatten wir von der Hitze des Südens genug und begaben uns in kühlere Gefilde, nämlich ins Berner Oberland. Dort machten wir einen Abstecher auf das Jungfraujoch, zum höchstgelegenen Bahnhof Europas (Gut, dieser Trip kostete eine Kleinigkeit …). Zum Abschluss unserer Reise ging es noch nach Paris, denn die Stadt der Liebe wollten wir natürlich auch gesehen haben.
Warum ich das alles erzähle? Weil Brigitte und ich heute ganz anders reisen. Mit dem Motto mancher amerikanischen oder japanischen Touristen, die „Germany in 10 days“ oder „Europe in 30 days“ bereisen, wie mein Kumpel und ich es bei unserer Interrailtour vor 50 Jahren ebenfalls machten, können wir inzwischen nichts mehr anfangen. Stattdessen wählen wir unsere Ziele mit Bedacht, informieren uns vorher über wichtige Sehenswürdigkeiten und stellen uns ein grobes Programm zusammen, welches jedoch ausreichend Raum für überraschende Entdeckungen lässt. Kurzum, wir reisen „in die Tiefe“, nicht mehr „in die Breite“ und sind davon überzeugt, dass uns diese Taktik die interessanteren und nachhaltigeren Reiseerlebnisse beschert. Deshalb verbrachten wir dieses Jahr in den Herbstferien eine ganze Woche „nur“ in Venetien.
Wie reist man denn nun am besten „in die Tiefe“? Nach unseren Erfahrungen bietet es sich an, einen Ort mit möglichst günstiger Verkehrsanbindung zu wählen, von dem aus man in Tagesausflügen die unmittelbare und auch etwas weitere Umgebung erkunden kann. Auf diese Weise erspart man sich häufige Quartierwechsel und damit auch Zeitaufwand und kann bei sorgfältiger Planung auch vermeiden, allzu viele Strecken doppelt zu fahren.
Und wenn es bei der Rückkehr ins Hotel mal etwas später werden sollte, weil man schon unterwegs ein nettes Restaurant für das Abendessen gefunden hatte, wird daraus kein Drama. Durch solche sternförmigen Ausflüge in alle Himmelsrichtungen lernt man die Vielfalt von Regionen sehr gut kennen und bleibt bezüglich seiner zeitlichen Planungen extrem flexibel. Dies zahlt sich auch dann aus, wenn das Wetter etwas wechselhaft ist: Dann geht man natürlich an einem Regentag ins Museum und hebt sich die Ausfahrt ins Gebirge für einen Sonnentag auf. Es ist also unbedingt empfehlenswert, sich intensiv mit den Wetteraussichten für die bevorstehenden Urlaubstage im Zielgebiet zu beschäftigen, damit kann man Ausflüge wetterabhängig planen und Frustrationserlebnisse zuverlässig vermeiden.
Sieht improvisiert aus, funktionierte aber gut: Unsere Tagesplanung, die Zahlen beziehen sich auf die zu den Zielen gehörenden Seiten im Reiseführer.
Ebenso wichtig ist es, sich schon vor Beginn der Reise einen groben Plan auszuarbeiten, welche Sehenswürdigkeiten man gerne anschauen möchte. Ein guter Reiseführer und eine gute Karte sind dafür unabdingbar. Ein Reiseführer „Italien“ hätte sich auf die „ganz großen“ Reiseziele konzentriert, der von uns verwendete Reiseführer „Venetien“ aus dem Reise Know-How Verlag ist dagegen 600 Seiten dick und liefert deswegen auch Tipps zu etwas ausgefalleneren Zielen, deren Besuch jedoch, je nach Interessenlage, extrem bereichernd sein kann. Und weitere, noch detailliertere Informationen, die nicht im Reiseführer stehen, findet man oft in den Flyern und Stadtplänen, die kostenlos an touristischen Hotspots oder in den Hotels bereitliegen.
Ebenso wichtig für eine solide Tourenplanung ist eine geeignete Karte. Auf deutschen Autoatlanten wird meistens nur Deutschland im Maßstab 1:200000 dargestellt, allenfalls noch die Alpenländer Österreich und Schweiz. Bei diesem Maßstab entspricht 1 cm auf der Karte 2 km in der Natur. Das bedingt sowieso schon eine eher kleine Darstellung und stellt somit die Grenze dar für die Detailplanung in einem kleinräumigen Zielgebiet. Noch kleinere Maßstäbe wären dafür schlicht unbrauchbar; sie taugen allenfalls dafür einen guten Überblick darüber zu bekommen, wie man das Zielgebiet am schnellsten oder angenehmsten erreicht.
Auch wenn es mancher nicht wahrhaben will: ein Navigationssystem alleine reicht für die Tourplanung nicht aus! Der vergleichsweise winzige Bildschirm im Auto kann den Überblick, den eine aufgeklappte Karte in einem passenden Maßstab bietet, nicht ersetzen. Trotzdem ist ein Navigationsgerät heute nahezu unverzichtbar, weil es das Auffinden von Zielen mit einer festen Adresse wesentlich erleichtert, vor allem natürlich in größeren Orten.
Das Navi kennt eben, wenn die Software internetbasiert ist, Fußgängerzonen, Einbahnstraßen, Baustellen und überfüllte Parkplätze und sorgt dafür, dass man sein Ziel erreicht und in der Nähe auch ein Parkplatz verfügbar ist. Auch außerorts kann das Navi seine Trümpfe ausspielen, wenn beispielsweise die Orientierung nach Himmelsrichtungen durch verschlungene Verkehrsführungen, wie beispielsweise im Bereich von Autobahnkreuzen und -abfahrten, erschwert ist.
Brigitte und ich arbeiten auf unseren Touren als mittlerweile sehr gut eingespieltes Team zusammen: Ich suche im Vorfeld die einzelnen Stationen und die zu befahrenden Straßen mit der Karte aus, während sie unterwegs das Navi programmiert und Zwischenziele eingibt, falls dies erforderlich wird.

Vom Reisen mit Cabrios
Wer uns persönlich kennt, weiß, dass wir ausgesprochene Cabriofans sind und für unsere Ausfahrten auf verschiedene Cabrios aus unserem kleinen Fuhrpark zurückgreifen können. Für den Urlaub in Venetien wählten wir aus gutem Grund das Citroën DS3 Cabrio. Copen, Elise und MX5 hatten also das Nachsehen und mussten zu Hause bleiben. Woran es lag, dass wir uns nicht für einen unserer Sportwagen entschieden haben? Dafür gab es mehrere gute Gründe.
Der Reisetermin lag bereits Ende Oktober. Um diese Zeit kann es in den Alpen durchaus schon schneien, und selbst wenn dies nicht eintritt, sind die Temperaturen in aller Regel schon deutlich kühler als in den Sommermonaten, auch in Norditalien. Da macht das Fahren in komplett offenen Cabrios plötzlich doch nicht mehr ganz so viel Spaß. Wer also keinen Kult daraus macht, so lange es geht offen zu fahren, würde möglicherweise in einer solchen Situation sein Verdeck lieber schließen und damit Sonne und Wind komplett aussperren.
An dieser Stelle zeigen sich die Vorteile einer Cabriolimousine: Da die Seitenscheiben einschließlich der sie nach oben abschließenden Dachholme immer stehen bleiben, kommt naturgemäß immer etwas weniger Außenluft ins Fahrzeug hinein als bei komplett offenen Cabrios. Das Faltverdeck kann ebenfalls variiert werden. Vollständig geöffnet, liegt es bei unserem DS3 Cabrio einschließlich der flachgelegten Glasheckscheibe als Paket auf dem hinteren Karosserieabschluss. Nachteil: die Sicht nach hinten wird deutlich eingeschränkt.
In der Praxis öffnet man das Faltverdeck deswegen meistens nur im oberen Dachbereich, so dass die Sicht durch das Heckfenster komplett erhalten bleibt. Im Sommer ist die Frischluftdusche auf diese Weise natürlich deutlich eingeschränkt, aber für die kühleren Zeiten im Frühjahr und im Herbst oder bei Reisen in Gegenden mit nur mäßig warmen Sommern (z.B. Skandinavien) passt eine solche Konfiguration oft perfekt. Man genießt die frische Luft und spürt eine sanfte Brise um die Haarspitzen, muss aber deswegen noch lange nicht frieren.
Sollte es tatsächlich bei der Fahrt über den Brenner oder auf den Passstraßen vor Ort zu einem Wintereinbruch kommen, sind wir mit den auf unserem Cabrio aufgezogenen Winterreifen bestens gerüstet. Die Karosserie ist übrigens vollverzinkt; auch nach 12 Jahren zeigen sich nirgendwo Rostansätze. Deshalb wird der DS3 auch im Alltagsbetrieb bei uns als Winterauto eingesetzt und ist trotzdem in ständiger Bereitschaft, sich während einer Schönwetterphase spontan zu entblättern. Ein richtig vielseitiges Auto also, und häufiger offen unterwegs als manch ein „richtiges“ Cabrio.
Was macht ihn noch reisetauglich? Nun, das Platzangebot ist unseren Sportwagen naturgemäß deutlich überlegen. Auf unseren Urlaubsreisen haben wir, je nach Dauer, natürlich immer auch mehr oder weniger Gepäck dabei. Nicht im Übermaß, aber doch so, dass neben Kleidung auch Reiseliteratur und etwas Verpflegung für die Tagestouren vor Ort Platz finden sollen.
Außerdem haben wir so gut wie immer auch eine kleine Kühlbox mit 12 Volt-Anschluss an Bord, die auch im Auto betrieben werden kann. Wenn nicht gerade tropische Hitze herrscht, werden Lebensmittel und Getränke darin ausreichend gekühlt, selbst dann, wenn man mal eine größere Pause einlegt, während der das Gerät natürlich nicht arbeitet. Über Nacht besteht zusätzlich die Möglichkeit, die Kühlbox auch im Hotelzimmer oder einer Ferienwohnung ganz normal mit 230 Volt Spannung aus der Steckdose zu betreiben.
Für zwei Personen ist das Platzangebot des DS3 großzügig, denn neben dem zugegeben etwas umständlich zu beladenden Kofferraum können bei Bedarf ja auch die Rücksitze als Stauraum genutzt werden. So verlockend es auch war, sich eine zügige Fahrt über diverse Passstraßen in einem offenen Sportwagen à la Elise, MX5 oder Copen vorzustellen, so pragmatisch und vernünftig war auch im Rückblick die Entscheidung, mit dem DS3 Cabrio nach Venetien zu fahren. Sicherheitshalber waren natürlich Winterreifen montiert, denn um dorthin zu gelangen, mussten ja die Alpen überquert werden, da kann es zu unserer Reisezeit schon ordentlich schneien.
Venetien – unbekannte Region im Hinterland der „Serenissima“
Venedig – die heitere, gelassene (etwa das bedeutet das Wort „serenissima“) Stadt am Mittelmeer, ist eine der bekanntesten Reiseziele Italiens und darüber hinaus ein touristisches Ziel von Weltrang. Nicht jeder weiß jedoch, dass die Stadt über etwa 1100 Jahre hinweg (bis Ende des 18. Jahrhunderts) der Mittelpunkt eines mächtigen Imperiums war, das zur Zeit seiner größten Ausdehnung nicht nur die komplette kroatische Adriaküste und griechische Inseln bis nach Kreta und Zypern umfasste, sondern auch einen Großteil des heutigen italienischen Alpengebietes. Das „Veneto“, auf Deutsch Venetien, ist ein Teil des früheren Herrschaftsgebietes der Republik Venedig. Es erstreckt sich östlich des Gardasees bis Venedig und noch weiter bis zur Grenze mit Friaul. Im Norden reicht ein Zipfel bis zur Grenze mit Österreich bei Hermagor und schließt um Cortina d‘Ampezzo einen Großteil der Dolomiten mit ein.
Venetien war also unser Reiseziel für die Herbstferien, aber wie waren wir darauf gekommen? Mit etwas Glück kann es am Alpensüdrand auch um diese Zeit noch angenehm warm sein. Und da wir in vergangenen Jahren schon das Tessin, den Iseosee, den Gardasee und einige oberitalienische Städte wie Brescia, Bergamo und Verona samt ihrer Umgebung erkundet hatten, wollten wir uns im letzten Herbst einmal die Gegend um Vicenza vornehmen. Sobald man sich dann etwas intensiver mit den besuchenswerten Sehenswürdigkeiten dort beschäftigt, stellt man schnell fest, dass die Region auch außerhalb der Städte sehr viel zu bieten hat. Also ging es dann noch darum, einen zentralen Ort zu finden, von dem uns Ausflüge in alle Himmelsrichtungen möglich sein würden. Diese Überlegungen gipfelten in dem Entschluss, ein Hotel in Bassano del Grappa zu buchen.
Sonntag, 26. Oktober 2025: Hinfahrt nach Bassano del Grappa
Am 26. Oktober begann unsere Cabrioausfahrt nach Venetien, aber um diese Jahreszeit sind die Temperaturen in unseren heimischen Gefilden in der Regel nicht so, dass sich eine Fahrt mit offenem Verdeck unbedingt aufdrängt. So war es auch dieses Jahr, und so blieb das Dach erstmal zu, was bei längeren Autobahnetappen mit zügigem Tempo ohnehin vorteilhaft ist. Von Heilbronn führte unsere Route über die A81 bis Stuttgart, wo wir auf die A8 Richtung München wechselten um schließlich ab Ulm der A7 bis zur Grenze zu Österreich bei Füssen zu folgen.
Da es Sonntag war und wir früh losgefahren waren, kamen wir flott voran und waren schon gegen 11 Uhr auf dem gut 1200 Meter hohen Fernpass. Diese Verbindung nach Tirol führt zwar nicht komplett über eine Autobahn, ist aber durchaus empfehlenswert, wenn man von nördlich der Alpen über den Brenner nach Italien will. Klar, in der Hauptreisezeit steht man auch auf dieser Strecke hin und wieder im Stau, aber wenn man zeitlich ein bisschen flexibel ist, kommt man gut voran und darf sich an einer schönen Gebirgslandschaft erfreuen. An LKWs, Wohnmobilen und (aus Cabriofahrersicht) anderen „Verkehrshindernissen“ kommt man auch ganz gut vorbei, weil es von Norden her kommend beim Anstieg zur Passhöhe einige Ausbaustellen mit Doppelspuren zum Überholen gibt, besonders an den steileren Streckenabschnitten.
Die Abfahrt vom Fernpass gestaltete sich auf Grund der vielen Kurven auch ganz unterhaltsam und führt am malerisch gelegenen Fernsteinsee vorbei, wo ein Restaurant und das Schlosscafé zu einer Pause einladen. Dafür war es jedoch noch zu früh, deswegen fuhren wir zügig weiter und erreichten bei Telfs das Inntal und damit wieder die Autobahn. Hier herrschte relativ wenig Verkehr und so bogen wir schon bald auf die eigentliche Brennerautobahn Richtung Süden ab. Vor Erreichen der Passhöhe legten wir an der Raststätte Lanz gleich nach der Europabrücke unsere erste Rast seit Heilbronn ein. Der Milchkaffee mit Kaffee der Firma Meindl ist hier eine absolute Empfehlung; dazu gab es kleine Snacks, die wir von zu Hause mitgebracht hatten.

Ende Oktober lag auf den Berggipfeln der Alpen schon Neuschnee
Nach der Mittagspause ging es zunächst etwas langsamer voran, denn bald kamen wir in den Bereich der Luegbrücke, welche aktuell nur einspurig befahrbar ist. Diese längste Brücke der Brennerautobahn wird bis voraussichtlich 2030 komplett erneuert werden, weshalb zu den Hauptreisezeiten dort mit erheblichen Staus gerechnet werden muss. Dies hat wegen des weitmaschigen Straßennetzes in den Alpen großräumige Auswirkungen, welche auch uns Cabriofahrer betreffen, wenn wir zu unserem Stammtreffen am Faaker See unterwegs sind: Wegen der Verkehrsbehinderungen auf der Brennerroute werden Eingeweihte die Tauernautobahn als Ausweichstrecke in Betracht ziehen, was dann natürlich dort zu Urlaubszeiten wie Pfingsten ebenfalls für erhöhtes Verkehrsaufkommen sorgen wird.
Für uns lief es jedoch eher glimpflich ab, und so erreichten wir bald die Brennerpasshöhe, mit 1370 Metern den höchsten Punkt auf unserer Anreise. Mit dem Grenzübertritt nach Italien ging es ab hier wieder etwas flotter voran, wobei die kurvenreiche Strecke bis Bozen durchaus Aufmerksamkeit verlangt, auch wegen des teilweise nicht unerheblichen Gefälles. Dafür entschädigte die Strecke mit schönen Ausblicken auf die in den Gipfelregionen bereits frisch verschneiten Berge der Dolomiten. Ab Bozen verläuft die Trasse dann im relativ breiten Tal der Etsch überwiegend ohne auffällige Kurven, so dass wir bald die Autobahn bei Trient verlassen konnten. Notiz am Rande: Etwa 20 Kilometer nördlich von Trient verlässt man das weitgehend deutschsprachige Südtirol und gelangt ins italienischsprachige Trentino.
Nach dem Verlassen der Autobahn folgten wir der Staatsstraße SS 47 durch die Val Sugana bis zu unserem Tagesziel in Bassano del Grappa. Diese etwa 100 Kilometer lange Strecke ist teilweise sehr gut (vierspurig) ausgebaut und bietet sich deshalb auch als Alternative zur klassischen Anfahrt über Verona für Reiseziele im Nordosten Italiens, wie Venedig oder Triest, oder auf dem Weg an die dalmatinische Küste an. Zunächst muss jedoch ein respektabler Anstieg zum Lago die Caldonazzo überwunden werden, welcher jedoch durch den in den letzten Jahren durchgeführten Ausbau mit mehreren Tunnels etwas von seinem Schrecken verloren hat.
Der See ist gar nicht so klein und liegt recht idyllisch unmittelbar rechts neben der Straße. Da wir gut in der Zeit lagen, machten wir an seinem Ufer nochmal Pause, bevor wir zum Endspurt Richtung Bassano ansetzten. Die Strecke bis dahin folgt dem Brenta-Fluss und ist landschaftlich durchaus sehenswert. Besonders gilt dies für den Abschnitt, bevor sich das Gebirgstal zur vorgelagerten Ebene hin öffnet. Dort hat sich der Fluss tief in die umliegenden Berge eingeschnitten, so dass das Tal auf beiden Seiten von hohen Felswänden flankiert wird.
Bald danach wird die Landschaft jedoch sehr viel lieblicher, denn nun erreicht man die eher hügelige Zone des Alpensüdrandes. Auf einem solchen, sanften Hügel liegt auch die Stadt Bassano del Grappa. Die Fahrt am Rande des Zentrums entlang der Stadtmauer vermittelte bereits einen ersten Eindruck davon, dass die Stadt einiges zu bieten haben könnte. Aber danach stand uns noch nicht der Sinn, denn zunächst galt es, unser Quartier im Hotel Glamour südlich des Zentrums zu beziehen. Mittlerweile war es etwa 17 Uhr geworden, so dass schon 10 Stunden Reisezeit und 660 Kilometer hinter uns lagen.
Montag, 27.Oktober 2025: Asolo, Treviso, Castelfranco Veneto
Nach einem reichlichen Frühstück im Hotel brachen wir, wie fast immer während unserer Urlaubsreisen, zwar nicht ganz früh, aber auch nicht erst gegen Mittag zu unserem ersten Ausflug auf. Etwa halb zehn am Vormittag ist eine gute Startzeit für Unternehmungen; man hat einen Großteil des Tages noch vor sich, ohne durch allzu frühes Aufstehen den Urlaubscharakter zu gefährden. Ziel des heutigen Tages war die Stadt Treviso etwa 40 Kilometer nördlich von Venedig. Bis dahin wollten wir jedoch dem einen oder anderen interessanten Zwischenziel einen Besuch abstatten.
Erste Station war die „Tomba Brion“, eine architektonisch bemerkenswerte Grabstätte aus Beton, etwas abseits großer Magistralen. Was man sich beim Baumaterial Beton eigentlich nicht ohne weiteres vorstellen kann, ist die Faszination dieses Ortes. Hier haben sich ein Unternehmer namens Brion und der von ihm beauftragte Architekt mit Namen Scarpa ein gemeinsames Denkmal geschaffen, welches beweist, dass Beton nicht zwangsläufig nur für langweilige Zweckbauten eingesetzt werden kann, sondern durchaus auch eine kreative Ausstrahlung haben kann, wenn man die richtigen Formen und Arrangements dafür findet. Jedenfalls ist dieser Friedhof unbedingt einen Besuch wert – sofern man die Zeit dafür findet, und das geht nur dann, wenn man, wie oben angesprochen, „in die Tiefe“ reist.
Tomba Brion
Von hier aus ging es nach Asolo, einem wunderschönen Städtchen, welches man schon von weitem sieht, weil es auf einem der hier sehr zahlreichen Hügel thront. Die Stadt wird von einer Burgruine gekrönt, glänzt aber auch sonst mit viel mittelalterlichem Flair. Hier findet man alles, was man von einer solchen Örtlichkeit erwartet: ein Schloss, eine Stadtmauer, einen Uhrturm, eine Kathedrale und viele zauberhafte Plätze und Gässchen, die von Häusern mit Arkaden begrenzt werden. An vielen Gebäuden prangt der „Markuslöwe“ und signalisiert damit, dass mindestens das Bauwerk, oft aber auch der Ort selbst im Einflussbereich der Venezianer lag. Der besondere Charme und die besondere Lage von Asolo zogen von jeher auch Prominente an, darunter Ernest Hemingway, Aristoteles Onassis, Marcello Mastroianni und Catherine Deneuve.







Asolo
Nach dem ausgiebigen Aufenthalt in Asolo fuhren wir weiter nach Montebelluna. Dieser als touristisches Ziel eher unbekannte Ort war bis vor wenigen Jahren der Mittelpunkt der italienischen Sportschuhindustrie. Für jemanden wie mich, der selbst in einer Schuhstadt (Pirmasens) aufwuchs und in seiner Jugendzeit als Ferienjobber in einer Schuhfabrik gearbeitet hat, übte dieses Städtchen eine besondere Faszination aus. Deshalb stand ein sehr lohnenswerter Besuch des Schuhmuseums auf dem Programm.
Die Ausstellung zeichnet die Entwicklung von Sportschuhen nach und weckt manche Erinnerung, beispielsweise an die „Moonboots“, welche hier erfunden wurden. In einer der früher mehr als 200 Schuhfabriken in Montebelluna und den Dörfern der Umgebung wurden auch Skistiefel der Marke Nordica hergestellt, die ich aktuell noch bei meinen Skiausflügen nutze, wenn auch nicht in Verbindung mit Skiern der Marke Rossignol, mit der Nordica in den 70ern kooperierte.
Schuhmuseum in Montebelluna
Unser nächster Stopp war in Treviso, womit wir unser heutiges Tagesziel erreicht hatten. Treviso liegt schon fast auf Meereshöhe im Flachland, und auch die Anfahrt dahin gestaltet sich eher unspektakulär, sofern man nicht den zahlreichen historischen Adelspalästen in der Gegend einen Besuch abstatten will. Warum also hierhin fahren? Treviso ist mit 84000 Einwohnern schon fast eine Großstadt mit allem was dazugehört, wie z.B. flächenfressenden Industriegebieten und Einkaufszentren an der Peripherie.
Jedoch glänzt der Ort auch mit einer recht ausgedehnten Altstadt, welche von den Resten einer venezianischen Stadtmauer und Kanälen umschlossen wird. Hier kann man richtig schön bummeln und bei Bedarf auch einkaufen, denn die Gassen der inneren Altstadt sind verkehrsberuhigt. Besonders malerisch ist die Altstadt im Bereich des Canale dei Buranelli und um die Isola della Peschiera, die Fischerinsel. Auch der in unterschiedlichen Bauepochen entstandene Dom mit seinem monumentalen Eingangsbereich ist sehenswert. Den hatten wir einige Zeit im Blick, als wir uns in einem typisch italienischen Café noch mit einem kleinen Imbiss stärkten. Besonders eindrucksvoll in Treviso wirkt auch die Porta San Tomaso, ein auf der Stadt abgewandten Seite besonders repräsentatives Tor aus weißem Marmor in der Stadtummauerung mit dem unübersehbaren geflügelten venezianischen Löwen oberhalb des Torbogens.



Treviso
Nächstes Highlight des heutigen Tages war die Rotonda di Badoere. Sie besteht aus zwei sichelförmig angeordneten Gebäudebögen, die ursprünglich mal zur Nutzung als Verkaufsstellen im Rahmen eines Marktes errichtet wurden. Jeder der 41 Arkadenbögen konnte von einem anderen Laden oder Handwerker genutzt werden. Sicherlich ist dieser Ort keine sensationelle Sehenswürdigkeit, aber doch interessant genug, um nicht achtlos daran vorbeizufahren.

Rotonda di Badoere
Auf der Rückfahrt nach Bassano legten wir noch einen weiteren Zwischenstopp ein in Castelfranco Veneto. Diese hübsche Kleinstadt besitzt eine vollständig erhaltene, 17 Meter hohe Stadtmauer mit Wehrtürmen rund um ihren historischen Stadtkern herum. Ein derartig komplettes und gut erhaltenes Ensemble einer geplanten Festungsstadt findet man auch in Italien nur noch selten. Auch die sich an die Altstadt anschließende Piazza Giorgione und die angrenzenden Straßen rechtfertigen einen Besuch, denn hier findet man nette Cafés und einladende Boutiquen zuhauf. Da die Sonne schon recht tief stand, bezauberte uns Castelfranco Veneto bei unserem Besuch mit einem besonders stimmungsvollen Abendlicht.


Castelfranco Veneto
Schon etwas ermattet, aber doch auch zufrieden und voll mit Eindrücken von einem insgesamt sehr abwechslungsreichen Ausflugstag erreichten wir schon bei Dunkelheit unser Hotel. Richtig spät war es aber noch nicht, und da sich direkt nebenan ein Autohaus mit einer Mehrmarkenvertretung befindet, schauten wir gegen halb acht dort noch vorbei. Wir sind ja beide Fans von italienischen Autos und nahmen hier die Gelegenheit wahr, uns den neuen und in Deutschland noch nicht angebotenen Lancia Ypsilon (Werners Favorit) und den ebenfalls neuen Alfa Romeo Junior (Brigittes Liebling) etwas genauer anzuschauen. Die Verkäufer ließ das völlig kalt, aber uns haben die beiden vierrädrigen Italiener durchaus begeistert, denn so viel Stil in der kleinen Klasse findet man eben nur da, wo auch die Mode zu Hause ist – in Italien.


Neuer Lancia Ypsilon, in Deutschland bisher leider noch nicht erhältlich

Neuer Alfa Romeo Junior, den gibt’s auch bei uns schon
Dienstag, 28. Oktober 2025: Bassano del Grappa, Monte Grappa, Feltre, Possagno
Sowohl am Sonntag bei der Herfahrt als auch am gestrigen Montag war das Wetter nicht wirklich einladend genug, um das Faltverdeck des DS3 zu öffnen. Für heute war aber eine deutliche Wetterbesserung vorhergesagt worden, und deshalb hatten wir einen Ausflug mit einem hohen und fahrerisch vielversprechenden Anteil an Fahrstrecken vorgesehen. Zunächst wollten wir jedoch unseren Quartiersort noch ein bisschen näher kennenlernen.
Deswegen stand als Erstes eine Stadtbesichtigung von Bassano del Grappa auf dem Programm. Auch wenn sich der Name der Stadt gemäß den Angaben im von uns als Planungsunterlage benutzten (sehr empfehlenswerten) Reiseführer Venetien aus dem Reise Know-How Verlag wohl nicht von dem bekannten Tresterbrand ableitet: Der „Grappa“ wie wir ihn kennen ist heute prägend für die touristische Bedeutung der charmanten Kleinstadt.
Wir fanden nach Studium des Stadtplans schnell einen unmittelbar nördlich der Altstadt gelegenen, sogar kostenlosen Parkplatz. Hier fühlt man sich als Besucher willkommen und macht gerne Werbung für diesen ohnehin schon besuchenswerten Ort. Nach einem kurzen Anstieg erreichten wir eine sehr schöne Aussichtsterrasse und konnten bei strahlendem Sonnenschein schonmal unsere Blicke in das heutige Exkursionsgebiet schweifen lassen, zum Monte Grappa, einem letzten Vorposten der Alpen im Norden der Stadt.

Aussicht von Bassano del Grappa
Zuvor wollten wir jedoch die Stadt erkunden und begannen dabei mit einem der wichtigsten Ziele in diesem Ort, dem von der Destillerie Poli betriebenen Museo del Grappa. Hier geht es natürlich um Hochprozentiges, und manch einer wird sich angesichts der Suchtgefahr durch übermäßigen Alkoholkonsum vielleicht fragen, welche Berechtigung ein solches Museum und ein Besuch darin haben könnten. Aber die Schnapsbrennerei gehört zu unserer westlichen, abendländischen Kultur, und es war spannend hier auch etwas über die Vielfalt alkoholischer Destillate und ihre Ausgangsprodukte zu erfahren. Und ein Grappa nach einem guten Essen schadet niemandem, solange es bei einem bleibt.


Wie war das nochmal mit der Suchtgefahr?
Unweit des Museums befindet sich die berühmte Ponte degli Alpini über die Brenta. Diese Holzbrücke ist ein bekanntes Wahrzeichen der Stadt und war in früheren Jahren ein wichtiger Flussübergang. In ihrer aktuellen Ausfertigung besteht sie zwar erst seit 1948, weil sie im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde und danach neu aufgebaut werden musste, aber sie wirkt wegen ihrer Holzkonstruktion eher antik und passt deswegen sehr gut zu den teilweise viel älteren Gebäuden auf beiden Seiten des Flusses.




Bassano del Grappa
Eines davon beherbergt das Museo del Ponte degli Alpini direkt am westlichen Brückenkopf. In diesem niedlichen kleinen Museum scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Seit es vor vielen Jahren eingerichtet wurde, hat wohl niemand mehr die Ausstellungsstücke angerührt. Es beschäftigt sich hauptsächlich mit den „Alpini“, den italienischen Gebirgsjägern im Ersten Weltkrieg und der Geschichte der Brücke.
Die Altstadt von Bassano besitzt mehrere schmucke Plätze und auch einige hübsche Gässchen mit netten kleinen Geschäften, die italienisches Kleinstadt-Flair versprühen. Mondän geht es hier also nirgends zu, aber gerade die etwas beschauliche, fast schon heimelige Atmosphäre von Bassano und einige bemerkenswerte Gebäude aus der venezianischen Zeit machen den Reiz des Städtchens aus. Und seine Verkehrslage ist natürlich superb, wenn man diese Region Venetiens bereisen will.
Wieder zurück am Parkplatz, konnten wir nun endlich einen Schalter in unserem Cabrio betätigen, der fast schon in Vergessenheit geraten war: den zur Betätigung des elektrischen Faltverdecks. Die Temperaturen waren auf knapp 20° gestiegen, und über uns lachte ein strahlendblauer Himmel. Ideale Voraussetzungen also, um die Straße auf den Monte Grappa in Angriff zu nehmen.

„Bella Italia“
Zunächst geht es über ganz normale Landstraßen in den Vorort Romano d’Ezzelino am Fuße des markanten Berges. Ab hier ändert sich der Charakter der Straße, denn sie wird zusehends schmaler und die ersten Serpentinen lassen nicht lange auf sich warten. Natürlich ist der DS3 kein Sportwagen und reizt nicht unmittelbar dazu, die Grenzen von Antrieb und Fahrwerk auszuloten. Aber trotzdem kommt Fahrfreude auf: An übersichtlichen Stellen darf der Motor im zweiten Gang auch mal gedreht werden, was ihm nichts ausmacht. Die Konstruktion mit zwei obenliegenden Nockenwellen und 16 Ventilen ist nämlich durchaus zeitgemäß. Seine 120 PS holt der mit Hilfe von BMW entwickelte und auch im Mini eingesetzte Motor aus nur knapp 1600 ccm, und das ganz ohne Turbolader. Eine eher sportliche Auslegung also, die zum zügigen Vorankommen jedoch fleißiges Schalten erfordert, aber das können wir ja.
Das geht einigermaßen flott von der Hand, auch wenn das Getriebe keinen Ausbund an Präzision darstellt wie beispielsweise in unseren beiden japanischen Roadstern. Dafür ist jedoch die Lenkung recht zielgenau, was in Verbindung mit den kompakten Außenabmessungen für eine recht ausgeprägte Handlichkeit sorgt. Diese zahlt sich auf schmalen Passstraßen wie am Monte Grappa natürlich aus, denn die Italiener fahren ja auch überwiegend kleinere Autos, und wenn einem nicht gerade ein LKW, Bus oder (deutsches?) Wohnmobil entgegenkommt, kommen zwei PKW dieses Formats auch tatsächlich aneinander vorbei, zumindest auf einigen Streckenabschnitten.
Landschaftlich ist die Auffahrt auf den Monte Grappa ein Gedicht: schon in der bewaldeten Zone geht es zwischendrin auch mal wieder kurz bergab und es eröffnen sich in regelmäßigen Abständen schöne Ausblicke in die Hügelzone am Fuß der Berge oder sogar bis weit in die Ebene hinaus. An klaren Tagen sieht man sogar die Kirchen von Venedig am Horizont.




Auffahrt zum Monte Grappa
Weiter oben erreicht man eine recht ausgedehnte, sanfthügelige Zone mit Almwiesen, bevor man über eine Stichstraße mit einigen Serpentinen zum Parkplatz etwas unterhalb des Gipfels gelangt. Dort bietet ein rustikales Gasthaus die Möglichkeit zur Einkehr, worauf wir jedoch angesichts des noch vor uns liegenden Tagesprogrammes verzichteten. Überhaupt versorgten wir uns überwiegend selbst mit Verpflegung für unterwegs, denn neben der nicht unerheblichen Kostenersparnis für Restaurantbesuche geht damit auch eine beträchtliche Zeitersparnis einher.
Deswegen genossen wir zunächst die überwältigende Aussicht vom Parkplatz aus, die sich nun auch Richtung Norden eröffnete. Dort zeichneten sich am Horizont die schneebedeckten Gipfel der Dolomiten ab, die südlich von Cortina Höhen von deutlich über 3000 Metern erreichen. Noch besser wirkte das Panorama vom Gipfelplateau des Monte Grappa, welches wir nach einem kürzeren Fußmarsch schnell erreichten.



Schöne Aussichten vom Monte Grappa
Dabei wanderten wir zunächst etwas an der Bergflanke entlang und gelangten bald zu dem imposanten Denkmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten der italienischen Armee. Auch wenn diese Ereignisse mehr als 100 Jahre zurückliegen, besitzen sie vor allem für Italiener auch heute noch einen hohen Stellenwert, und so findet man überall im Bereich der früheren Frontlinie zwischen den Kontrahenten Österreich-Ungarn und Italien viele Relikte aus dieser grausamen Zeit wie z.B. ehemalige Schützengräben, Bunker oder Befestigungsanlagen, aber eben auch Denkmäler, die an den „Großen Krieg“, die „Grande Guerra“ erinnern, welcher damals in dieser Region tobte.
Ähnlich wie in Slowenien, wo während der 12 Isonzo-Schlachten (auf slowenisch heißt der Fluss Soca, wir waren schon öfter in dieser Region mit unseren Cabrios unterwegs, z.B. dieses Jahr in Bovec) tausende von Soldaten ihr Leben ließen, ohne dass eine der Kriegsparteien entscheidende Geländegewinne erzielte, mussten auch in einer der letzten Schlachten des Krieges am Monte Grappa im Oktober 1918 mehr als 20000 Soldaten sterben. Da bei dieser Schlacht Italien jedoch siegreich war, gilt der Berg seither als Symbol für die nationale Einheit und den Widerstandswillen der Italiener.
Der Monte Grappa ist also gewissermaßen ein Wallfahrtsort, aber auch ein riesiger Soldatenfriedhof. In den Beinhäusern liegen, sauber nach Nationen getrennt, die Überreste von im Krieg gefallenen Soldaten der italienischen und der österreichisch-ungarischen Truppen, wobei erstere in der Überzahl sind. Das gesamte Ensemble dieser Gedenkstätte ist wirklich beeindruckend, abgesehen von seiner Ausdehnung auch deshalb, weil es einem die Sinnlosigkeit von Kriegen eindrucksvoll vor Augen führt und zum Nachdenken animiert, gerade in diesen Zeiten, in denen wir uns gedanklich mit der Möglichkeit eines Krieges in unserem Lande beschäftigen müssen.

Auf dem Monte Grappa
Noch etwas ergriffen von den Eindrücken, die wir an diesem schicksalsschweren Ort sammelten, begaben wir uns am frühen Nachmittag auf die Weiterreise über die Nordrampe des 1742 Meter hohen Berges hinunter nach Feltre. Diese Strecke wurde erst vor kurzem sichtbar etwas ausgebaut und an besonders gefährlichen Stellen mit Leitplanken gesichert. Sie ist trotzdem eng geblieben und erfordert, bei der Bergauffahrt sicherlich noch mehr als bergab, eine gewisse Routine beim Fahren im Gebirge, um mit Genuss befahren werden zu können.
Wie auch schon bei der Auffahrt zum Monte Grappa zweigen links und rechts jedoch noch weitere, schmälere und steilere Straßen ab, die sogar mit Wegweisern für Autos versehen sind. Bei einem intensiven Studium der Karte stellt man fest, dass diese in einigen Fällen auch hinunter ins Tal führen. Ortsunkundige sollten diese „Abkürzungen“ jedoch lieber meiden, es sei denn, man ist unerschrocken, mutig und routiniert genug, sich auf ein solches „Himmelfahrtskommando“ einzulassen. Die ausgeschilderte Strecke nach Feltre bietet ohnehin genügend fahrerische Abwechslung und auch landschaftliche Schönheit.
Die Stadt Feltre ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und kann auch als Einfallstor in die Dolomiten betrachtet werden, denn ab hier kann man verschiedene Passstraßen ins Gebirge wählen. Darüber hinaus besticht die Stadt durch eine relativ geschlossene Altstadt mit einigen herrlichen Palästen aus der Renaissancezeit. Viele der Fassaden sind bemalt, wobei die Gemälde in einigen Fällen sehr verblichen sind und die kaum noch bewohnte Altstadt einen eher morbiden Charme ausstrahlt. Nur mit Mühe fanden wir hier ein Café für eine Einkehr, welches uns allerdings mit der Ausstattung eines bereits etwas älteren Jazzclubs begeisterte. Überall an den Wänden hängen Poster von Jazzgrößen vergangener Jahrzehnte.
Feltre
Mittlerweile war der Nachmittag schon ordentlich vorangeschritten, so dass wir nun Kurs Richtung Hotel nahmen. Auf dem Weg dorthin folgten wir zunächst dem Tal des Piave-Flusses, bogen jedoch nach einigen Kilometern nach rechts ab auf eine Landstraße, die sich am Fuße des Monte Grappa durch die wie an einer Perlenkette aufgereihten Dörfer zieht. Hier und da hätte sich bestimmt ein kurzer Aufenthalt gelohnt, aber wir wollten uns auf eine herausragende Sehenswürdigkeit in dieser Region konzentrieren: den Tempel von Possagno.


Tempel von Possagno
Dieses Bauwerk wurde von einem der berühmtesten klassizistischen Bildhauer Italiens geplant, von Antonio Canova (1757 – 1822). Er wurde in Possagno geboren und ruht seit seinem Tod in einem Sarkophag in dem heute als Pfarrkirche genutzten Gebäude. Es beeindruckt vor allem durch seine dem Pantheon in Rom nachempfundene Architektur. Ganz besonders imposant wirkt die Front mit den 16 in einer Doppelreihe angeordneten Säulen.
Von Possagno aus war es nicht mehr weit bis nach Bassano, wo wir schon nach Einbruch der Dunkelheit eintrafen. Das Abendessen fand im Hotelzimmer statt; hier durften wir den Kühlschrank auch für die teilweise von zu Hause mitgebrachten, teilweise aber auch vor Ort frisch eingekauften italienischen Spezialitäten nutzen, so dass wir für ein zünftiges Vesper bestens vorbereitet waren.
Mittwoch, 29. Oktober 2025: Valdobbiadene, Passo di San Boldo, Vittorio Veneto, Conegliano
Am nächsten Tag war es leider schon wieder vorbei mit dem Sonnenschein, aber dadurch ließen wir uns nicht verdrießen. Zur üblichen Zeit starteten wir Richtung Osten und erreichten nach etwa 45 Minuten Fahrzeit die Kleinstadt Cornuda. Die Strecke dahin ist im Großen und Ganzen eher unspektakulär, weil sich ein Dorf an das nächste reiht. Wer jedoch die Blicke schweifen lässt, entdeckt spannende Bauwerke links und rechts vom Wegesrand, seien es Kirchen mit monumentalen klassischen Säulen im Eingangsbereich und freistehenden, oft recht stattlichen Kirchtürmen (Campanile) oder aber auch Villen und Paläste von Adeligen aus der venezianischen Zeit, welche die Handschrift des in dieser Region allgegenwärtigen Renaissance-Baumeisters Andrea Palladio (1508 – 1580) zeigen.
Architektonische Denkmäler findet man in Venetien auch am Wegesrand
Cornuda selbst wartet mit einem Museum der besonderen Art auf, welches von außen völlig unscheinbar wirkt. Wir können es jedoch als Besuchsziel unbedingt empfehlen, wenn man sich für die spezielle Thematik interessiert. In der „Tipoteca Italiana“, einem typographischen Museum, kommt man voll auf seine Kosten, wenn man sich über die Druckkunst und das Druckerhandwerk von den Anfängen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts informieren will. Ab etwa 1980 wurden in Deutschland keine Schriftsetzer mehr ausgebildet, weil ab diesem Zeitpunkt der Fotosatz den klassischen Bleisatz ablöste und einige Jahre später der Digitaldruck zum Stand der Technik für Druckerzeugnisse wurde. Die Ausstellung im Museum legt ihren Schwerpunkt auf die Ära des Bleisatzes und zeigt eine große Zahl von Setzmaschinen, deren ausgefeilte Technik bis heute fasziniert.

Tipoteca Italiana
Von Cornuda ging es weiter über den Piave-Fluss, der um diese Jahreszeit wenig Wasser führte und deshalb träge zwischen freiliegenden Schotterterrassen innerhalb seines breiten Flussbettes mäandrierte. So etwas gibt es in ähnlicher Form bei uns nicht, in südlichen Ländern dagegen schon, weil es dort in den Sommermonaten im Regelfall nur sehr wenig regnet und im Herbst auch die Schneeschmelze in den Bergen weitgehend zum Erliegen kommt. Bei kleineren Flüssen und Bächen ist es deshalb nicht selten so, dass diese nicht ganzjährig Wasser führen.
Kaum über die Brücke gekommen, der erste Schreck des Tages: Wir wurden von einer Polizeikontrolle herausgezogen und mussten Fahrzeugpapiere und Führerschein vorzeigen. Das war aber tatsächlich schon alles, denn offensichtlich waren wir regelkonform unterwegs und hatten die vorgegebenen Geschwindigkeiten eingehalten. Die Carabinieri verabschiedeten sich freundlich und wünschten uns „buon viaggio“.
Bald danach erreichten wir das Herz der Region des Prosecco. Der Name dieses auch bei uns beliebten Schaumweines stammt ursprünglich von einem Ort, der mittlerweile in die Großstadt Triest im Grenzgebiet zu Slowenien eingemeindet wurde. Das Herkunftsgebiet des Prosecco ist also relativ großräumig, aber ein Kerngebiet des Anbaus befindet sich mittlerweile im Bereich der Anbaugebiete Valdobbiadene und Conegliano in der Provinz Treviso.
Hier wachsen auf sanften Hügeln, die an die Anbaugebiete entlang der Deutschen Weinstraße in der Vorderpfalz erinnern, die Trauben einer Weinsorte namens Glera, aus der – meistens durch Tankgärung – der Prosecco hergestellt wird. Dem Anbaugebiet „Le Colline del Prosecco di Conegliano e Valdobbiadene“ wurde 2019 der Status eines Weltkulturerbes der UNESCO verliehen.
Ein Halt in Valdobbiadene war deshalb unverzichtbar. Da die Stadt im Ersten Weltkrieg schwer beschädigt wurde, gibt es hier keine mittelalterlichen Gassen, aber dafür mit der Piazza Marconi einen wirklich repräsentativen Platz im Zentrum, um den sich die wichtigsten Gebäude der Stadt und auch Geschäfte gruppieren, in denen man sich mit der beliebtesten Handelsware der Stadt eindecken kann. Diese hatten wir auch schon in den Tagen vorher in unseren Mittagspausen verkostet und für gut befunden. Brigitte konnte jedenfalls nicht widerstehen und erwarb direkt vor Ort 3 Flaschen des edlen Getränks. Zum Glück waren wir ja mit dem DS3 unterwegs und nicht mit einem unserer Zweisitzer, bei denen mangels Gepäckraums vor jedem Souvenirkauf erstmal verhandelt werden muss …
Valdobbiadene
Bei der Weiterfahrt von Valdobbiadene Richtung Vittorio Veneto hat man die Wahl zwischen zwei verschiedenen Strecken, die auf der Karte gleichermaßen attraktiv erscheinen. Wir nahmen die nördliche und fuhren auf landschaftlich sehr schöner Strecke mit weiten Aussichten über die rebenbestandenen Hügel weiter nach Follina, wo eine Zisterzienserabtei eine Fahrtunterbrechung nahelegt. Der Kreuzgang aus dem 13. Jahrhundert mit romanischen Rundbögen ist in jedem Fall sehenswert.

Weinanbau im Prosecco-Gebiet

Abtei von Follina
Wer von hier nun direkt nach Vittorio Veneto weiterfährt, verpasst eine Attraktion ersten Ranges, speziell für Cabriofahrer. In dem Örtchen Tovena zweigt links die Straße SP 635 ab, welche auf den 706 Meter hohen Passo San Boldo führt. Das hört sich erstmal völlig undramatisch an, denn es geht augenscheinlich nur um die Überwindung einer Höhendifferenz von gerade mal 500 Metern. Diese haben es allerdings in sich! Nach zunächst mäßig steilem Anstieg hat man plötzlich das Gefühl, direkt unterhalb einer Steilwand zu stehen, die zu überwinden schon zu Fuß relativ anspruchsvoll erscheint. Wie sollte man sie dann mit einem motorisierten Fahrzeug überwinden können?
Bei dieser Aufgabe haben die Architekten und Ingenieure wirklich alle Register gezogen, und das schon im Jahre 1918. Aus militärstrategischen Gründen wurde damals die Trasse mit sechs Brücken und fünf Kehrtunneln in Rekordzeit fertiggestellt, wobei auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene eingesetzt wurden. Im oberen Bereich ist die Strecke nur einspurig befahrbar, deshalb ampelgeregelt und geschwindigkeitslimitiert auf 30 km/h, aber das schmälert das phänomenale Fahrerlebnis keineswegs – im Gegenteil!
Schon das Hochfahren zur Passhöhe sorgt für ungläubiges Staunen, aber erst, wenn man die Strecke wieder zurückfährt, entfaltet sich die ganze Kühnheit dieses architektonischen Meisterwerks. Wer sich einen Eindruck von dieser sensationellen Passstraße wenigstens ansatzweise verschaffen will, ohne vor Ort zu sein, kann sich im Internet auf You Tube den Kurzfilm mit dem Titel „Passo San Boldo – Alpen 2017“ anschauen.







Passo San Boldo: Eigentlich nur ein „Pässchen“, dennoch ein unvergessliches Erlebnis!
Nach diesem kurzen aber eindrucksvollen Abstecher fuhren wir am schön gelegenen Lago di Lago (der See heißt wirklich so!) vorbei nach Vittorio Veneto, wo wir in dessen nördlichem Stadtteil Serravalle unsere Mittagspause einlegten. Bei Vittorio Veneto fand im Ersten Weltkrieg die letzte entscheidende Schlacht (auch 3. Piaveschlacht genannt) statt, welche den Kriegsausgang in diesem Gebiet zu Gunsten Italiens entschied und darüber hinaus den politischen Zerfall des Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn besiegelte.
Italiens Einheit wurde durch den Erfolg dagegen gestärkt, und deswegen finden sich nicht nur in Vittorio Veneto, sondern auch in der ganzen im Ersten Weltkrieg hart umkämpften Region Venetien zahlreiche Denkmäler und Monumente, die an die Ereignisse vor mehr als 100 Jahren erinnern. Da Italien als einer der Sieger aus dem Krieg hervorging, wurde es mit großen Gebietsgewinnen belohnt, darunter auch das deutschsprachige Südtirol und Friaul-Julisch Venetien.
Serravalle ist der kleinere, aber aus touristischer Sicht interessantere Stadtteil von Vittorio Veneto gegenüber dem größeren Cèneda. Das Zentrum von Serravalle wird dominiert von der Piazza Flaminio, welche an 3 Seiten von Gebäuden aus der Renaissance begrenzt wird, darunter einem markanten Uhrturm und der eleganten Loggia, deren Fassade mit den Wappen der früheren venezianischen Statthalter geschmückt ist. Die vierte Seite des Platzes grenzt direkt an den die Stadt durchquerenden Fluss Meschio und öffnet den Blick auf den gegenüberliegenden Dom.

Vittorio Veneto
Insgesamt wirkt Vittorio Veneto eher etwas verschlafen, denn vom großen Tourismus wurde das Städtchen bisher augenscheinlich noch nicht erfasst. Aber gerade darin liegt sein Reiz: die Gebäude sind noch weitgehend unrestauriert und das Leben der Bewohner geht seinen gewohnten Gang wie eh und je. Die Schaufenster der Läden sind nicht mit irgendeinem touristischen Kitsch vollgepfropft und die Straßen und Plätze nicht von Reisenden aus aller Herren Länder überflutet. Hier herrscht noch italienische Kleinstadtidylle, zu der natürlich auch nette Cafés gehören, in denen man freundlich bedient wird und die Preise erschwinglich sind. Davon machten wir natürlich Gebrauch und bestellten uns, wie könnte es anders sein, neben einem kleinen Imbiss auch einen landestypischen Prosecco dazu.
Danach war es Zeit, allmählich die Rückreise anzutreten, und so fuhren wir direkt weiter in den zweiten Hauptort des Prosecco-Kernlandes, nach Conegliano. Diese Kleinstadt hat nur etwa 35000 Einwohner, aber man sieht auf Schritt und Tritt, dass es diesen offensichtlich gut geht, denn Städte in vergleichbarer Größe warten kaum mit einem ähnlichen Angebot an teuren Boutiquen in zentraler Lage auf wie Conegliano. Ein wahres Einkaufsparadies, wenn man in historischer Umgebung von einer großen Auswahl an eleganten Kleidungsstücken profitieren will. Wir konzentrierten uns bei unserem Stadtbummel trotzdem auf das schöne Ortsbild mit freskengeschmückten Palazzi und einem imposanten Theater mitten im Zentrum. Anschließend ging es dann – wegen des einsetzenden Feierabendverkehrs eher gemächlich – über Nebenstrecken via Montebelluna zurück nach Bassano del Grappa.
Conegliano
Donnerstag, 30. Oktober 2025: Marostica, Vicenza, Cittadella
War am Vortag der Himmel nur bedeckt gewesen, wollten nun die Wolken die gespeicherten Wassermassen loswerden: Es regnete, und das nicht zu knapp. Nach dem Frühstück legte sich der Regen jedoch etwas, so dass sich unsere Stimmung ebenfalls aufhellte und wir recht optimistisch unser erstes Tagesziel ansteuerten. An Cabriofahren war zwar nicht zu denken, aber der Ort Marostica, gerade mal 10 Kilometer von unserem Hotel entfernt, wirkte auch bei trübem Wetter sehr stimmungsvoll. Über dem Ort thront eine Burgruine, von der auf beiden Seiten wuchtige Wehrgänge bis hinunter in die Stadt führen, welche sie auf beiden Seiten begrenzen. Im Ort selbst steht ebenfalls eine burgähnliche Anlage mit auffälligen Zinnen, die an die Scaliger-Burgen in der Lombardei erinnern.
Größte Sehenswürdigkeit der Stadt ist jedoch ein großer Platz im Zentrum, auf dem die 64 Felder eines Schachspiels mit marmornen Platten eingelassen sind. Einmal im Jahr steht Marostica ganz im Zeichen des Schachspiels, dann wird hier eine Schachpartie mit realen Personen, die die Schachfiguren darstellen, gespielt. Da dieses Spektakel jeweils etwa Mitte September stattfindet, konnten wir es leider nicht miterleben. Als Ausgleich durfte ich mich als leidenschaftlicher Schachspieler jedoch etwas mit dem riesigen Angebot an Schachfiguren und -brettern in den Geschäften vor Ort trösten: Unglaublich, welche teilweise handgearbeiteten Kunstwerke aus edelsten Materialien hier angeboten werden! Für Schachspieler ein Eldorado!



Marostica, ein Mekka für Schachspieler!
Weiter ging es nach Vicenza, mit etwa 112000 Einwohnern der größten Stadt unserer Urlaubsreise. Ursprünglich hatten wir überlegt, in Vicenza unser zentrales Quartier zu beziehen, waren wegen der geschickteren Lage jedoch nach Bassano ausgewichen. Im Nachhinein war das eine sehr kluge Entscheidung! Vicenza ist nicht nur eine Großstadt, sondern auch eine Touristenhochburg, und entsprechend knapp sind Parkplätze in Zentrumsnähe. Wir hatten jedenfalls unsere liebe Not einen zu finden und mussten dann ernüchtert feststellen, dass man dort nur zwei Stunden parken darf. Und das als neugierige Touristen, die natürlich möglichst viel von dieser mit Sehenswürdigkeiten überaus gut bestückten Stadt sehen wollten. Was sich die Stadtväter bei der Begrenzung der Parkzeit wohl gedacht haben?
Wie dem auch sei, die Stadt hielt, was sie versprach. Unser erster Anlaufpunkt war das Teatro Olimpico, das letzte Werk des bereits vorgestellten, im 16. Jahrhundert lebenden Architekten Andrea Palladio, dessen Wirken die Bauwerke der Stadt Vicenza maßgeblich geprägt hat. Von außen gesehen wirkt das Teatro vollkommen unauffällig; wenn nicht am Schalter für den Kartenverkauf eine Schlange von Menschen stünde, würde man wohl orientierungslos davorstehen oder achtlos daran vorübergehen. Der eigentliche Eingang ist dann um eine unauffällige Gebäudeecke herum. Dafür ist das Innere des Baus umso prachtvoller. Der Zuschauersaal und die Bühne sind antiken griechischen Vorbildern nachempfunden; der Eindruck vor Ort ist unbeschreiblich, deshalb lassen wir hier die Bilder für sich sprechen.

Teatro Olimpico in Vicenza
Direkt am großen Platz vor dem Theater (Piazza Matteotti) beginnt der Corso Palladio, die Hauptachse der Stadt, welche von stattlichen historischen Palazzi gesäumt wird, die nicht selten mit schicken Boutiquen im Erdgeschoss aufwarten. Im Zentrum der Stadt liegt die Piazza dei Signori, in deren Mittelpunkt die ebenfalls von Palladio geschaffene Basilika steht. Entgegen landläufiger Meinung verbirgt sich dahinter jedoch keine Kirche, sondern eher eine Art Marktgebäude aus der Renaissancezeit.
Das Gebäude muss zur Zeit seiner Entstehung überaus edel, aber auch wuchtig gewirkt haben, denn es überstrahlt alle anderen Palazzi und ist auch nach heutigen Maßstäben noch großzügig und repräsentativ und mit den unterschiedlichsten bauplastischen Ornamenten wie Säulen, Skulpturen und Simsen versehen, um seine Wertigkeit zu betonen.


Vicenza, das große Gebäude ist die Basilika
Heute wird das Erdgeschoß der Basilika von verschieden Läden genutzt, unter anderem auch von Schmuckgeschäften. In den Gassen um die Piazza dei Signori findet sich ein großes gastronomisches Angebot an Cafés, Bistros und Restaurants der verschiedensten nationalen Ausrichtungen. Wir fanden bald ein Café, welches eine große Auswahl an Kuchen, aber auch herzhaften kleinen Snacks wie beispielsweise Focaccia im Angebot hatte. Dort ließen wir uns zur Mittagsrast nieder und veredelten unseren mittäglichen Imbiss mit einem Gläschen Prosecco. Das ist hier gar nicht ungewöhnlich, und warum soll man sich solche lokalen Gewohnheiten nicht auch mal abgucken, wenn man auf Reisen ist?
In dem Café kamen wir ins Gespräch mit zwei älteren Damen (unwesentlich älter als ich), die eine für uns fremde Sprache nutzten. Wir fragten sie danach und erfuhren, dass sie aus Ungarn stammen und mittlerweile in Köln und Wien wohnen. Zu einem Theaterbesuch hatten sie sich in Vicenza verabredet. Es folgte eine angeregte Unterhaltung mit für uns vielen interessanten Informationen über das Leben in vergangenen Jahrzehnten in Ungarn, Tschechien, Österreich und Deutschland aus der Sicht von Menschen, die hinter dem „Eisernen Vorhang“ geboren wurden. Reisen bildet, das konnten wir auch während dieser kurzen Episode wieder erleben.
Inzwischen war die Parkzeit für unseren DS3 abgelaufen, obwohl wir noch gar nicht alles von Vicenza gesehen hatten, was wir uns vorgenommen hatten. Dank der „Easy Park-App“, welche Brigitte auf ihrem Handy installiert hat, waren wir jedoch auch aus der Ferne in der Lage, den Beginn einer neuen Parkzeit für unser Auto zu buchen. Eigentlich war das nicht im Sinne der Stadt, die eine Parkzeitverlängerung ausschließt. Aber dank einer List, die wir hier nicht näher erläutern wollen, gelang es uns, das restriktive Parkraummanagement auszuhebeln.
Jedenfalls gewannen wir auf diese Weise Zeit, uns weitere Sehenswürdigkeiten der Stadt anzuschauen. Sie alle aufzuführen und zu beschreiben, würde an dieser Stelle sicherlich zu weit führen, deshalb bleibt als Resümee die Feststellung: Vicenza ist unbedingt eine Reise wert, nur sollte man idealerweise ein anderes Verkehrsmittel benutzen, wenn man dort Station machen will.
Als letztes Sahnehäubchen in unserem heutigen Besichtigungsprogramm wollten wir auf dem Rückweg noch der historischen Festungsstadt Cittadella einen Besuch abstatten. Hierbei handelt es sich um eine fast kreisrunde Anlage aus dem 13. Jahrhundert im Stadtzentrum, die komplett ummauert und mit vier Stadttoren versehen ist. Alles ist noch sehr gut erhalten, und die massiven Festungsanlagen beeindrucken die Besucher bis heute. Innerhalb der Mauern trifft man auch bei diesem Städtchen auf die angenehme italienische Kleinstadtatmosphäre ohne Pomp.
Cittadella
Der Abend des heutigen Tages inszenierte nicht nur einen stimmungsvollen Sonnenuntergang für uns, sondern wir hatten auch schon zwei Tage vorher einen Tisch in einer Pizzeria im Zentrum von Bassano für das Abendessen reserviert. Der schon etwas ältere Restaurantbesitzer hatte bemerkt, dass wir die Karte studierten und uns direkt angesprochen. Die Pizzeria sah von außen nicht besonders groß aus, aber der Seniorchef wirkte freundlich, und außerdem: Was kann man bei einer Pizza schon falsch machen?
Der „Buchungsvorgang“ entbehrte nicht eines gewissen Spaßfaktors, denn der Wirt sprach kein Deutsch. Also musste ich auf meine schon etwas in Vergessenheit geratenen italienischen Sprachkenntnisse zurückgreifen und wir reservierten den Tisch auf 7 Uhr (alle sette) für übermorgen (dopo domani). Mit unserem Namen hatte der Chef allerdings so seine Probleme; außerdem wollte er sich nochmal rückversichern, dass wir um 7 Uhr abends kommen wollten, deshalb griff er nun seinerseits auf seine eher rudimentären Englischkenntnisse zurück und fragte: „Seven?“, was wir bestätigten.
Jedenfalls konnte nun, da wir 2 Tage später unsere Reservierung einlösen wollten, niemand mit unserem Namen etwas anfangen. Erst als wir hinzufügten, dass wir den Tisch für „Seven“ reserviert hätten, wurden wir zu unserem Tisch geführt, auf dem in großen Lettern stand: „Riservato Steven“. Der Seniorchef hatte also wohl etwas „improvisiert“, aber am Ende war trotzdem alles gut gegangen – auf italienische Weise eben.
Die Pizzeria war übrigens gar nicht so klein, weil sich der Gastraum nach hinten deutlich erweiterte. Sie war sehr gut besucht an diesem Abend, überwiegend von Einheimischen, was normalerweise für die Qualität der Speisen spricht. Dies traf auch hier zu; die Pizze schmeckten hervorragend, wir wurden sehr zuvorkommend bedient und die Rechnung für unser Abendessen (einschließlich der obligatorischen Gläschen Prosecco) fiel angemessen aus. Der Name des Restaurants? Bella Capri in der Via Jacopo da Ponte. Falls Ihr mal vorbeikommt, bestellt bitte einen Gruß von „Steven“.
Freitag, 31. Oktober 2025: Villen Godi und Piovene, Altipiano di Asiago, Valstagna
Waren wir bisher, außer am Dienstag, überwiegend im Flachland oder in den Hügeln des Alpensüdrands unterwegs, sollte es heute zur Abwechslung mal in die Berge gehen. Zuvor wollten wir jedoch zwei für die Gegend um Vicenza typische Villen besichtigen, von denen mindestens eine von Palladio entworfen wurde und für die zweite seine Urheberschaft wahrscheinlich ist. Der „Stararchitekt“ des 16. Jahrhunderts hat, wie bereits ausgeführt wurde, vielen Bauwerken aus der Zeit seinen Stempel aufgedrückt. Das schöpferische Wirken Palladios gehört seit 1994 zum UNESCO-Weltkulturerbe, darunter befinden sich laut Wikipedia alleine 23 Gebäude in der Altstadt von Vicenza und außerdem 24 Villen in Venetien, von denen die meisten in der Umgebung von Vicenza stehen.
Zwei davon liegen nur 200 Meter voneinander entfernt im Ort Lugo di Vicenza. Zunächst erreicht man die etwas tiefer liegende Villa Godi. Der erste Eindruck ist etwas ernüchternd, denn auf den ersten Blick ist vom Glanz früherer Zeiten wenig übriggeblieben. Schon ein neuer Anstrich könnte hier viel bewirken, aber laut Reiseführer trägt die Villa wohl den Nerz nach innen, denn sie soll elegant mit illusionistischen Fresken dekoriert sein. Da eine Besichtigung nicht möglich war, konnten wir dies natürlich nicht überprüfen.
Etwas höher liegt die Villa Piovene Porto Godi, die schon äußerlich wesentlich mehr hermacht, auch wenn sie ihre besten Zeiten ebenfalls schon gesehen hat. Aber auch hier fehlt den aktuellen Eigentümern, die wohl Nachkommen des ursprünglichen Adelsgeschlechts sind, anscheinend das Geld für eine umfassende Restaurierung. Leider kamen wir auch hier außerhalb der Besuchszeiten vorbei und mussten so das Thema Villen vorzeitig abhaken.


Zeugnisse vom Glanz vergangener Tage: Villen in der Nähe von Vicenza
Dafür folgte nun, endlich mal wieder, ein fahrerisches Highlight. Der Altopiano di Asiago, dem Namen nach eine Hochebene, ist nicht wirklich eben, sondern weist durchaus Reliefunterschiede auf, so dass es auch mal ordentlich bergauf oder bergab gehen kann. Zunächst muss man aber erstmal nach oben kommen, und das ist über einige mehr oder weniger breite Zufahrtsstraßen möglich. Hört sich einfach an, ist es aber nicht immer: Die Hochebene fällt nämlich fast überall relativ steil zu den Hügeln im Vorland des Gebirges ab, so auch nach Südosten hin entlang der Linie Bassano – Thiene (nördlich von Vicenza).
Wer in dieser Region eine gute Karte zur Hand hat, ist gegenüber einem Navigationssystem klar im Vorteil. Als Ortsfremder sollte man bevorzugt nur die gelben Straßen auf der Karte befahren; auch diese sind oft schon anspruchsvoll genug, wenn man nur wenig Erfahrung mit engen Gebirgsstraßen hat. Auf der Karte weiß eingezeichnete Sträßchen sind zwar oft ebenfalls für den regulären Verkehr freigegeben, erfordern aber meistens eine gehörige Portion Mut, denn sie sind häufig nur einspurig befahrbar und entbehren oft jeglicher Streckensicherung – Leitplanken Fehlanzeige! Dann befindet sich im Gebirge in der Regel auf der einen Seite der Berg, auf der anderen der Abgrund!
Wir hielten uns an die gelben Straßen und erreichten über eine sehr schön zu befahrende Landstraße mit einigen schönen Kurven bald den Ort Lusiana. Der DS3 durfte hier ordentlich drehen, was ihm zwischendurch auch mal Spaß macht, und wir konnten schöne Ausblicke ins Vorland der Berge genießen, nach Vicenza und noch darüber hinaus. Die Orte auf dem Altipiano kleben nicht selten direkt an der Kante der Hochebene, das ist auch bei Lusiana und dem Nachbarort Conco so.
Dorthin gelangten wir, weil das Navi zwei Varianten anzeigte, auf dem „falschen“ Wege. Wir wählten nämlich versehentlich, wie wir später mittels der Karte feststellen konnten, das weiße Sträßchen dorthin. Wir wurden dafür umgehend bestraft, mit allem, was solche Verbindungen in petto haben (siehe oben) und Gegenverkehr on top!

So sehen „weiße Straßen“ aus – wenn man Glück hat!
Bei der Ortseinfahrt nach Conco gab es dann eine weitere Überraschung, denn es gibt dort ein zweisprachiges Ortsschild. Dort steht neben Conco auch Kunken, was sich irgendwie ziemlich deutsch anhört. Tatsächlich ist Conco – Kunken ebenso wie der vorher durchfahrene Ort Lusiana – Lusaan eine der historischen „Sette Comuni“ (sieben Gemeinden) auf der Hochebene von Asiago.
Diese Orte wurden im 14. Jahrhundert von deutschen Siedlern, überwiegend aus Bayern, gegründet. Da sie in ihrer neuen Heimat überwiegend isoliert lebten, hielt sich dort über Jahrhunderte hinweg ein altertümlicher deutscher Dialekt, das Zimbrische. Vereinzelt wird er noch heute gesprochen, doch muss man realistischerweise davon ausgehen, dass er bald aussterben wird. In Flurnamen wird er jedoch wohl auf Dauer konserviert bleiben, so gibt es beispielsweise in der Nähe von Asiago den „Monte Raittal“.


Hochebene von Asiago
Weiter ging es durch eine abwechslungsreiche Landschaft bis nach Asiago, dem unbestrittenen Mittelpunkt der Hochebene. Dieses Städtchen besitzt eine recht gut mit Läden aller Art besetzte Einkaufsstraße im Zentrum, welche auch für Touristen einige Verlockungen bereithält. Brigitte wurde fündig und kaufte sich ein paar Hausschuhe mit Edelweiß-Sticker, ich wandte mich mehr dem einheimischen Hartkäse aus der Region zu, welcher geschmacklich die Erwartungen voll erfüllte. Auch dem leckeren Mandelgebäck in verschiedenen Geschmacksrichtungen konnte ich nicht widerstehen. Asiago wurde im Zuge der kriegerischen Handlungen im Ersten Weltkrieg stark zerstört, aber man hat einige Gebäude im historisierenden Stil wieder aufgebaut, was das Zentrum, zusammen mit einigen hübschen Cafés und Restaurants, durchaus attraktiv erscheinen lässt.
Asiago
Allzu lange wollten wir uns hier jedoch nicht aufhalten, denn etwas außerhalb auf einem Hügel befindet sich eine mit einem 47 Meter hohen Triumphbogen gekrönte Militärgedenkstätte. In dem dazugehörigen Mausoleum hat man aus mehreren kleineren Soldatenfriedhöfen die Gebeine von mehr als 55000 Soldaten zusammengetragen, die nun dort ihre letzte Ruhe gefunden haben.
Militärgedenkstätte von Asiago
Speziell die Kämpfe im ersten Weltkrieg haben die Region um Asiago nachhaltig geprägt. Die Wunden in der Natur sind noch heute sichtbar, z.B. in Form von Schützengräben, und auch viele Festungsanlagen haben die Zeiten überdauert. Wie schon auf dem Monte Grappa verlief hier die Frontlinie, und die italienischen und österreichisch-ungarischen Armeen kämpften fast noch Mann gegen Mann. Eine grausige Vorstellung, die einem die Sinnlosigkeit des Krieges umso deutlicher vor Augen führt, je öfter man mit diesen Relikten konfrontiert wird.
Die Thematik des „Großen Krieges“ ist in der Gegend allgegenwärtig, deshalb gibt es auch diverse Museen dazu. Das Museo Storico della Guerra 1915 – 1918 in Canove bei Asiago war zwar geschlossen, aber dort findet sich eine schockierende Tafel mit den Anzahlen der gefallenen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Insgesamt fast 10 Millionen verloren ihr Leben, dabei sind die Verletzten und die Verluste bei der Zivilbevölkerung nicht mitgerechnet.
Kriegsmuseum in Canove
Wir wandten uns wieder Erfreulicherem zu und fuhren über die mehr als 100 Jahre alte und sehenswerte Brücke von Roana über das tief eingeschnittene Tal des Assa nach Roana, einer der Sette Comuni. Auf Deutsch heißt der Ort Robaan, und es soll hier noch eine sehr geringe Anzahl von Menschen geben, die das Zimbrische sprechen oder zumindest verstehen. Die „Sette Comuni“ sind nicht die einzige frühere deutsche Sprachinsel im italienischen Sprachraum; auch in der nicht allzu weit entfernten Gemeinde Luserna – Lusern im Trentino gibt es bis heute den Rest einer deutschen Sprachinsel, in der das Zimbrische noch gesprochen wird.
Die „Sette Comuni“ bildeten früher eine deutsche Sprachinsel in Venetien
Roana ist ein hübsches, gar nicht so kleines Dörfchen am Talhang zum Assa-Fluss. Hier stärkten wir uns in einem kleinen Café für den Nachmittag. Prosecco gab es aber heute nicht, der passt einfach besser zur Leichtigkeit des Seins in seinem Herkunftsgebiet. Für die Menschen in den Bergen, deren Kampf um ein auskömmliches Leben immer schon härter war, wäre er eher ein Ausdruck von Dekadenz.
Allmählich wurde es Zeit, den Kurs Richtung Hotel einzuschlagen; deshalb verzichteten wir auch auf einen Ausflug zum Freilichtmuseum auf dem Monte Zebio nördlich von Asiago. Dort sind noch viele Spuren aus dem Ersten Weltkrieg sichtbar, wie Schützengräben, Bunker und Stacheldraht. Stattdessen fuhren wir nach Foza – Vüsche, einem zu den Sette Comuni gehörenden Ort am Rande der Hochebene, hoch über dem Tal der Brenta. Von hier aus führt am Steilhang eine in der Karte gelb eingezeichnete Straße hinab nach Valstagna. Ein „Proberitt“ mit dem Navi zeigte jedoch schon, dass die Farbe gelb für diese Route wohl eher als Kompliment zu verstehen sein würde.
So war es auch. Nach einem kurzen, harmlosen Auftakt stürzte sich die Straße vehement in die Tiefe. Vor uns tauchte die erste Serpentine auf, an der die Aufschrift „Tornante 20“ prangte. Das konnte ja heiter werden! Das Navi malte inzwischen blitzende Zuckungen auf Brigittes Handydisplay und die Felsen, mal rechts, mal links unmittelbar neben der Fahrbahn bewiesen, dass auch hier eine Trasse direkt in einen felsigen Steilabhang hinein verlegt worden war. Die Fahrt ins Tal erforderte äußerste Konzentration, denn es ging schon Richtung Abend zu, so dass uns bereits der eine oder andere in Bassano arbeitende Pendler in rasanter Fahrt entgegenkam. Um diese Zeit wollen eben alle nur möglichst schnell nach Hause, da kommt einem auch normalerweise niemand entgegen!





Abfahrt von Foza nach Valstagna
Nach den ersten Schreckmomenten gingen wir hier dazu über, öfter mal die Hupe zu betätigen, mit mehr oder weniger messbarem Erfolg. Zum Glück ist der DS3 ja nicht übermäßig breit, so dass es jedes Mal noch für ein Ausweichmanöver reichte. Findet dieses auf der Talseite statt, darf es durchaus als Mutprobe gewertet werden. Ob die Passagiere in den entgegenkommenden Autos Brigittes Entsetzensschreie hörten? Weiß ich nicht, möglicherweise waren sie ihnen auch egal. Ein Erlebnis war dieser fulminante Ritt auf jeden Fall; wer ihn nachmachen möchte, weiß ja jetzt, wo es möglich ist. Das Nervenkostüm kann man dann schon vorab zu Hause bei Achterbahnfahrten auf dem Rummelplatz trainieren.
Im Brentatal legten wir einen letzten Zwischenstopp in dem hübschen Städtchen Valstagna ein. Hier, direkt am Ufer der Brenta, konnten wir Kanuten zusehen, die dort in einem abgesteckten Parcours ihre Geschicklichkeit unter Beweis stellten. Auch in Valstagna prangt am Rathaus der geflügelte venezianische Löwe. Obwohl Venedig eine Seemacht war, waren die bewaldeten Gebiete auf der Hochebene von Asiago für die Stadt von äußerster Wichtigkeit, denn sie lieferten das Holz für den Schiffsbau. Die Stämme gelangten über eine Steinrinne von dem Ort Sasso am Rande der Hochebene hinunter nach Valstagna, von wo sie über die Brenta bis nach Venedig geflößt wurden.


Valstagna
Der Tag im Hotel endete nach einem reichhaltigen Vesper (im Schwäbischen heißt es „das Vesper“) auf dem Zimmer mit Kofferpacken, denn am nächsten Tag stand die Rückreise nach Deutschland an. Zahlreiche frische Eindrücke suchten noch einen festen Platz in der Erinnerung. Die Tage in Venetien waren sehr abwechslungsreich, in jeder Hinsicht. Das Cabriofahren konnten wir nicht ganz so ausgiebig genießen wie erhofft, aber das war unabänderlich, weil man als Lehrer auf die Ferientage festgelegt ist. Die Tage im Herbst sind in dieser Reiseregion eben mal so, mal so.
Wir können eine Reise nach Venetien all denen unbedingt empfehlen, die mal abseits ausgetretener Pfade unterwegs sein wollen und vielleicht sogar mal ausprobieren wollen, wie es ist, „in die Tiefe“ zu reisen. Man lernt dabei sehr viele nette Leute kennen, die noch nicht touristenmüde sind, sondern sich darüber freuen, wenn jemand gerade bei ihnen Station macht und sich für ihre Geschichte und Kultur interessiert.
Samstag, 01. November 2025: Rückfahrt nach Heilbronn
Über unsere Heimreise lässt sich nicht mehr viel berichten. Wir verließen unser Hotel schon recht früh und nahmen für die Rückfahrt die gleiche Route wie auf der Hinfahrt. Allzu viele überlegenswerte Alternativen hätte es ohnehin nicht gegeben, es sei denn, man hätte vielleicht noch eine Dolomitentour einbauen wollen. Aber das macht keinen Spaß, wenn man nicht erst am späten Abend und bei Dunkelheit zu Hause eintreffen will. Also fuhren wir wieder durch die Val Sugana nach Trento und weiter über Brennerautobahn und Fernpass nach Deutschland, wobei wir in Österreich kurz vor der deutschen Grenze einen Zwischenstopp mit Mittagessen einlegten.
Der DS3 schnurrte auf der Autobahn zufrieden und für Fahrer und Copilotin stressfrei und recht leise mit etwa 130 km/h dahin, und wir fragten uns mal wieder, weshalb man nicht auch in Deutschland die Geschwindigkeit auf diesen Wert begrenzt. Fahren im Ausland ist dadurch so viel entspannter, und einen nennenswerten Zeitgewinn erzielt man auch mit der vielbeschworenen „freien Fahrt für freie Bürger“ auf deutschen Autobahnen kaum. Die Rückfahrt verlief ohne Zwischenfälle oder größere Staus, deshalb kamen wir schon am späten Nachmittag im heimatlichen Heilbronn an.
Venetien, ein Tipp für Cabriofahrer?
Sicherlich kann man Venetien nicht als „klassisches“ Cabriorevier bezeichnen, wenn man dabei in erster Linie an kurvige Landstraßen in Mittelgebirgen denkt oder gar an Passstraßen mit Serpentinen im Hochgebirge. Wer diese jedoch sucht, findet sie auch in Venetien, allerdings am häufigsten im nördlichen Teil, der ja auch einen großen Anteil an den Dolomiten hat. In dem von uns bereisten Gebiet gibt es dagegen einen bunten Mix an Straßen, auf denen das Cabriofahren Freude macht, vorausgesetzt, es ist nicht zu heiß oder zu kalt.
Den Hochsommer würden wir deshalb als Reisezeit ebenso ausschließen wie den Winter. Im Frühjahr und Herbst kann man dagegen (mit etwas Glück) im offenen Cabrio voll auf seine Kosten kommen. Auch wenn die Ebenen im Vorland der Berge relativ dicht besiedelt sind, ist die Verkehrsdichte noch erträglich, zumindest außerhalb der Pendlerzeiten. Das Straßennetz ist gerade in der Ebene so dicht, dass man oft eine Auswahl von verschiedenen Alternativen hat. Die landschaftlich schönsten Strecken sind natürlich auf Karten mit einem grünen Begleitband gekennzeichnet. Oft trifft das eher auf „gelbe“ Straßen zu denn auf „rote“.
Generell ist es vorteilhaft, mit einem eher schlanken Cabrio wie dem DS3 in Venetien unterwegs zu sein, denn nicht nur auf manchen Landstraßen in den Bergen ist die Breite eingeschränkt. In der Regel trifft das auch auf die verwinkelten Altstädte mit ihren engen Gassen zu. In Asolo hatten wie bei der Anfahrt zum zentralen Platz beispielsweise einige Engstellen zu passieren, an denen üppig dimensionierte Fahrzeuge an ihre Grenzen kommen.
Die Städte, aber auch viele kleinere Orte, sind in Venezien wie auch andernorts in Italien reich an kulturellem Erbe, nicht nur in den Kirchen. Wer einen Zugang zur Kulturgeschichte von Landschaften hat, kann deshalb fast überall auf seine Kosten kommen. Deshalb fällt die Auswahl der Ziele manchmal schwer; auch wir haben es trotz Vorplanung nicht geschafft, alles zu sehen, was wir uns vorgenommen hatten. Aber wir sind nahe dran gewesen, und genussvoll Cabriofahren konnten wir hin und wieder auch. Für uns war es jedenfalls eine rundum gelungene Urlaubsreise, von der wir viele neue und wertvolle Eindrücke mit nach Hause genommen haben, und natürlich auch drei Flaschen Prosecco.
![]() | venetien.htm - Letzte Aktualisierung: 21:48 01.02.2026 |
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